1846

 

Im Jahr 1846 dürften in Wien knapp 400.000 Einwohner gelebt haben. Die letzte Volkszählung ergab zu Ende 1843 ohne Militär 375.993. Seit 1830 stieg die Einwohnerzahl damit um 56.000, also um fast 20%.

 

Die Bevölkerung der Österreichischen Monarchie lag in dieser Zeit bei 37.491.000 Seelen, plus rund 400.000 Mann Militär in den ungarischen, deutschen, slawischen und italienischen Provinzen.

 

In Europa lebten damals 180 Millionen Menschen, die Erdbevölkerung war 600 Millionen. Man machte sich damals schon Gedanken über Überbevölkerung, nahm Europa als Maßtab und ermittelte, daß die Erdbevölkerung sich auf 1,2 Milliarden verdoppeln könne ohne eine Übervölkerung befürchten zu müssen. Diese Erkenntnis liegt gerade etwas über 150 Jahre zurück.

 

Noch vor Ende 1845 luden die Unternehmer, Gastwirte und Saalpächter Wiens die P.T. Herren Ballgeber ergebenst ein, sie mit ihren Aufträgen zu beehren, heißt für den kommenden Karneval ihre jeweiligen Localitäten für Bälle zu mieten.

Nach einer vorläufigen Ankündigung hatte der bekannte Tanzlehrer Franz Reiberger die bekannten Saal-Localitäten zur goldenen Birn auf der Landstraße über den Carneval 1846 im Pacht genommen.

In der Wiedereröffnungs-Ankündigung war Herr Reiberger genauer. „Die ehedem so beliebten Saal-Localitäten zur goldenen Birn ... jetzt zum Apollo und den Grazien genannt” seien prachtvoll neu decoriert und vermögen in ihrer jetzigen völlig neuen Umgestaltung mit jedem derartigen Etablissement Wiens zu rivalisieren. Zur Erheiterung der holden Wiener Tänzerinnen wurde der herrliche Saal fortan Grazien-Saal genannt und das Orchester wird alle Abende des Carnevals Herr Capellmeister Johann Strauss Sohn persönlich dirigieren. „Die mit dem Salon verbundene Restauration Apollo genannt, ist auf das Beste besorgt”.

 

Herr Reiberger muß sich seiner Sache sehr sicher gewesen sein. Neben den bestehenden etablierten Localitäten und dem im Vorjahr fertiggestellten Odeon-Saal kam ab diesem Karneval ein weiteres Vergnügungs-Etablissement hinzu. Am 21. Januar eröffnete der Sophienbad-Saal.

J. Hagenbucher, bürgl. Gastwirt und Inhaber der Sperl-Säle verkündete in seiner Carnevals-Anzeige für die neu decorierten Säle im Sperl, daß er diese mit zweckmäßigen Veränderungen versehen hat, wozu namentlich die Einrichtung der Gasbeleuchtung zu einer besonderen Zierde gereichen dürfte. Im Sperl hatte Hr. Capellmeister J. Strauss Vater die Direktion der Musik übernommen.

Ob es sich bei dem Franz Gilch über dessen Vermögen im August 1845 Concurs eröffnet wurde um den Vorpächter des Sperl handelte und ab wann Hagenbucher den Sperl übernommen hat ist nicht klar.

 

Auch die restaurierten Säle >zum goldenen Strauß< im Josephstädter Theatergebäude wurden zusammen mit der Ankündigung für die letzte große Soirée am 14. Dezember des Vorjahres den Herren Ballunternehmern offeriert. Der Wirt und Pächter Theodor Stern hatte Strauss Sohn für die Ballmusik engagiert.

Der Karneval dauerte bis zum 24. Februar, war also relativ lang und begann dementsprechend auch erst am 11. Januar.

 

An den Sonn- und Feiertagen bis dahin fanden die üblichen Nachmittags-Conversationen statt. Johann Strauss Vater dirigierte das Orchester im k.k. Volksgarten, sein Sohn zunächst in Zögernitz´s Casino in Ober-Döbling und mit dem Beginn des Karnevals in Dommayer´s Casino, indem er die Localitäten mit Franz Schröder tauschte. Wenn wir „dem Humorist” glauben, dann erfolgte der Wechsel um den vielfach geäußerten Wünschen der zahlreichen Freunde der Localitäten Dommayer nachzukommen. Also hatte Strauss Sohn Franz Schröder in der Beliebtheit überflügelt.

 

Am 2. Januar spekulierten die Zeitungen noch ob Morelly der sich seit Herbst aus Pest in Wien aufhielt dort verbleiben würde und Wien stattdessen einen anderen Orchester-Feldherren, den jüngeren Strauss verlieren würde. Was die Morellys betrifft sind die Aussagen widersprüchlich, der als in Wien befindliche Franz Morelly war zu jener Zeit in Bombay. Ludwig Morelly war stets in Wien und er war im Karneval für die Ballmusik >zum goldenen Steg< zuständig, aus Pest müßte also eigentlich Karl Morelly zeitweise in Wien gewesen sein. Jedenfalls ging Johann Strauss Sohn nicht nach Ungarn.

In die Faschingsvorbereitungen fiel am 5. Januar auch die von Anna Strauss angestrengte zivilrechtliche Scheidung der Eheleute Strauss.

 

2 Tage später stellte Johann Strauss Vater ein Gesuch zur Ernennung zum Hofballmusikdirektor in welchem er erwähnte, daß er seit 17 Jahren für die Ausführung der Musik bei Hof- und Kammerbällen tätig war. Die erste Produktion in den k.k. Redoutensälen die belegbar ist leitete Strauss am 26. Januar 1831, es war ein privater Gesellschaftsball im kleinen Redoutensaal. Erst 1832 wurde er für die Leitung der Musik bei manchen Bällen bei Hof herangezogen, also nur seit 13 Jahren, nicht seit 17. 1829 wurde Lanner zum Musikdirector der k.k. Redoutensäle ernannt. Vielleicht hat Strauss als Mitglied der Kapelle Lanner damals die Musik ausgeführt. Das Gesuch lautete:

 

Eure Majestät !

Der in tiefster Ehrfurcht Unterzeichnete hat durch 17 Jahre das hohe Glücke,

bey den allerhöchsten Hof- und Kammer-Bällen die Musik ausführen zu dürfen.

Außerdem hatte er bey seinem öffentlichen Wirken durch beynahe 20 Jahre keine

Gelegenheit versäumt, auch für wohltätige Zwecke aller Art nach Kräften beizutragen ......

Auf Grund dessen und insbesondere aber auf die oben angeführte 17jährige

Dienstleistung am allerhöchsten Hofe waget der allernterthänigste Gefertigte in

tiefster Ehrfurcht zu bitten: Eure Majestät geruhe, ihm die Allerhöchste Gnade

 zu verleihen, den Titel eines >k.k. Hofball-Musik-Directors< führen zu dürfen.

Sein Bestreben wird steht dahin gerichtet seyn, sich dieser ihn so hoch beglückenden

allerhöchsten Gnade würdig zu zeigen.

Wien, am 7. Jänner 1846

 

Am 24. Januar wurde das entsprechende Dekret ausgestellt, allerdings mit der Bemerkung:

 

„... daß mit diesem Titel kein Gehalt oder Emolument, sowie auch kein

ausschließender Anspruch auf die Übernahme und Leitung der Musik bei den

Hof- und Kammerbällen verbunden ist”

 

Dann begann der Carneval. Johann Strauss Sohn war für die Ballmusik in Dommayer´s Casino wo 12 Bälle statt haben werden, in der ehemaligen „goldenen Birn” und >zum goldenen Strauß< zuständig.

 

Sein Vater war alleine im Sperl für 31 Bälle angekündigt. Los ging es mit dem Eröffnungs-Fest-Ball in den neu decorierten, nun mit Gas beleuchteten Sälen zum Sperl am 11. Januar und er präsentiere auch gleich seine erste Novität des Jahres, den Walzer „Moldauklänge”, sein Opus 186.

Die Wiener Zeitschrift berichtete, daß Strauss den Walzer schon nachmittags im k.k. Volksgarten aufspielte.

Tags darauf präsentierte er bei dem Juristenball in den k.k. Redoutensälen sein nächstes neues Werk, das Opus 184, die „Concordia–Tänze”. Der Ball an sich wurde scharf kritisiert. Der Zutritt soll nur fünfzigjährigen Nichtjuristen gestattet gewesen sein, die Nebenräume waren auch für die Nichttänzer verschlossen und  Erfrischungen gab es nur mit Lebensgefahr oder Ausschußgunst, bei 5 fl. Eintritt

Die kaiserliche Hofburg wo sich die k.k. Redoutensäle befinden

 

Für Strauss Sohn begann der Carneval am 11. Januar mit einem Eröffnungsball im Graziensaal, vormals >zur goldenen Birn< und einem Ball der k.k. Forstzöglinge in Dommayer´s Casino am 13. Januar. Der erste große Festball in Dommayer´s Casino mit Eröffnung des neuen, inzwischen um das Doppelte erweiterten Blumensaales fand am 17. Januar statt. Die Eröffnung des Graziensaales wurde in der Presse als unbedeutend, wie gewisse andere Ouvertüren der Neuzeit, beschrieben. Tänzer im Überflusse, Tänzerinnen wenige, Grazien gar nirgends. Auch beim „Sperl” und „Sträußl” sollen die ersten Bälle nicht sehr erquicklich gewesen sein.

 

Dann überstrahlte die bevorstehende Eröffnung des Sophienbad-Saales alle anderen Carnevals-Ereignisse.  Das neue öffentliche Glanzlokale welches die Residenz bereichern wird sollte an Pracht, Eleganz und Zweckmäßigkeit bis jetzt unerreicht dastehen. Das klang bei der Vorankündigung der Eröffnung des Odeon-Saales ein Jahr zuvor ähnlich.

Der erblindete Franz Morawetz lies an seine großartige Heilanstalt, das Sophienbad nun noch einen Sophienbad-Saal anbauen. Der Saal paßte offenbar genau zwischen die engen und gedrückten Tanzsäle Wiens und den über alle Verhältnisse ausgedehnten Odeon-Saal.  Der Saal war von Anfang an mit Gas beleuchtet. Vor allem die für zwei auf einmal anfahrenden Kutschen überdachte Zufahrt wurde gelobt, auch weil sie getrennt von den zu Fuß anlangenden war.

 

Der große Saal des Sophienbads (=Sof(ph)iensaal) wurde im Sommer als Schwimmhalle, im Winter unter dem Namen Sof(ph)iensaal (meistens Sof(ph)ienbad-Saal) als Tanz-, Konzert- und Versammlungssaal genutzt. Dazu wurde das Schwimmbecken mit Holzbrettern abgedeckt und erhielt durch den sich darunter befindlichen Hohlraum des Schwimmbeckens eine ausgezeichnete Akustik.

Franz Morawetz                                             Der Sophien-Saal im Winter

 

Franz Morawetz, geboren 1789 in Böhmen, war der Sohn jüdischer Handelsleute.

Er ergriff den Beruf des Tuchscherers und führte als Erster in der k. u. k. Monarchie das Dekantieren des Tuches ein, dabei bekommt der Stoff durch Dampf und Druck einen angenehmen Griff.

 

1826 übersiedelte Morawetz mit seiner Gattin nach Wien. Er begann in der Marxergasse, angeregt durch die Bekanntschaft mit einem russischen Major, mit dem Bau eines russischen Dampfbades, welches damals eine Novität in Wien war. Es war ideal für Asthmatiker und Menschen mit Bronchitis bei Dampfhitze von 40 bis 48 Grad Celsius.

 

Obwohl ein schweres Augenleiden zu seiner Erblindung geführt hatte, zog Morawetz das Projekt durch und überwachte und leitete selbst die Bauarbeiten. Das Dampfbad war 1838 fertig gestellt.

Das Sophienbad im Sommer

Am 17. Januar leitete Johann Strauss Vater die Musik bei einem Flora-Ball mit Blumenspende „im Sperl”, am 18. Januar nachmittags im k.k. Volksgarten und abends in den k.k. Redoutensälen wo der traditionelle Maskenball zum Besten der Armen von der Gesellschaft adliger Frauen zur Beförderung des Guten und Nützlichen in Verbindung mit einer Lotterie veranstaltet wurde, am 20. Januar bei einem Gesellschafts-Ball zum Besten des Armenhauses der Leopoldstadt und Jägerzeile beim Sperl, dann war es soweit. Am Mittwoch den 21. Januar fand der erste Fest-Ball zur Eröffnung des Sophienbad-Saales auf der Landstraße, Marxergasse Nr. 46 statt.

1846 hat Johann Strauss Vater zwar kein neues Werk im Sophienbad-Saal dirigiert, sondern erst im Januar 1847. Er wird insgesamt 13 Werke dort aus der Taufe heben. Seine 3 Söhne werden von 1850 bis 1899 insgesamt mindestens 160 Werke, davon Johann ab Januar 1850 rund 90, einige davon allerdings nur als Wiener-Uraufführung, Josef ab Februar 1857 31 Werke, Eduard ab Januar 1864 mehr als 40. Auch 2 der Werke welche Johann und Josef zusammen komponierten erlebten ihre Uraufführung im Sophienbad-Saal.

 

In den Besprechungen über das Eröffnungsfest erhielten der Saal selbst mit dem Vermerk zeichnet „sich durch eine Noblesse die wir bei allen ähnlichen Anstalten vermißten aus” sowie „die Ordnung der Zu- und Abfahrt, der Garderobe und der ganzen Bedienung ist musterhaft” bestes Lob, nur die hohen Eintrittspreise wurden bemängelt. Der Saal war nicht gänzlich gefüllt weil diese für die Mittelklasse zu hoch waren. Die Tickets kosteten im Vorverkauf 1 fl. 40 kr. für Herren und 1 fl. für Damen, am Ballabend an der Cassa 2 fl. oder 1 fl. 20 kr.

 

Beim Dommayer kostete der Eintritt 40 kr. und am Ballabende 1 fl. pro Person. Im Sperl war der Eintritt offenbar am niedrigsten, daher der Besuch stets rege.

 

Am Eröffnungstag des Sophienbad-Saales starb in Modena Franz IV Joseph Karl "Este", Herzog von Modena, der von 1814 bis 1846 regierender Herzog von Modena und Reggio und ab 1829 Herzog von Massa-Carrara und ein Cousin von Kaiser Franz II. und Groß-Onkel des regierenden Kaisers war. Daher wurden alle k.k. Hofbälle und Cavalier-Bälle abgesagt.

 

Inmitten des steigenden Faschingstreibens warf die Theaterzeitung in Person des anonymen Bezahlschreibers  „C.S.” Johann Strauss Sohn vor, daß auf dem Plaket zur Eröffnung des Grazien-Saales auf einem Transparent der Name „Strauss” groß der Zusatz „Sohn” aber irreführend nur klein gedruckt war.

 

Daraufhin druckten „mehrere Wahrheitsliebenden” am 22. Januar im „Humorist” eine Erklärung ab in der sie es als lächerlich und kleinlich abtun, eine solche Lappalie aufzuspüren und deklarierten es als Druckfehler des Druckers oder Illuminators. Strauss Sohn hat durch die einstimmige, ehrenvolle Ernennung des löblichen zweiten Bürger-Regimentes zu seinem Kapellmeister erst recht seine feste Stellung gegründet und keine Ursache seinen Namen zu verleugnen.

Es war jedenfalls 1846 Tatsache, daß er seinem Vater weit unterlegen, jedoch den anderen Kapellmeistern in Wien schon überlegen war. Auf den Annoncenseiten las man meistens überwiegend die Namen Strauss, wenn auch öfter mit dem Zusatz „Vater”. So auch auf der seitengroßen Anzeige des Odeon für die Carneval-Saison 1846 welche recht spät, am 19. Januar erst erschien und die Eröffnung des Odeon für den 25. Januar ankündigte.

 

Demnach trat das Odeon in ganz neuer zweckmäßiger Metamorphosierung in den Carneval ein. Der Saal erwies sich eindeutig als überdimensioniert, deshalb traf man passende Vorkehrungen für die Teilung desselben für 1500 bis 2000 Personen. Treppen wurden hinzu gebaut, neue Decorierungen vorgenommen und in Bezug auf die Stearin-Kerzenbeleuchtung wurden neue überraschende Umwandlungen vorgenommen, so daß diese mit der glänzenden Gasbeleuchtung zu rivalisieren im Stande sein dürfte.

 

Der Erbauer des Odeon hat also an der falschen Stelle gespart oder die Zeichen der „Gas”-Zeit nicht erkannt.

 

Abschließend wies das Odeon noch darauf hin, daß es, in einer vollen Seite Anpreisung, eigentlich keine Anpreisungen notwendig hat.

Am 23. Januar hat Strauss Sohn möglicherweise auf einem Ball im Saal >zum goldenen Strauß< der nicht nachweisbar ist, sein Opus 17 die „Jux-Polka” erstmals vorgetragen.

 

Johann Strauss Vater hat bei dem Mediziner-Ball der am 3. Februar als dritter und letzter der Elite-Bälle der Juristen, Techniker und Mediziner „im Sperl” stattfand sein Opus 190, „Epigonen–Tänze”,  „Den Herren Hörern der Medizin” gewidmet, uraufgeführt.

 

Der Korrespondent lobte die prachtvolle Decorierung mit dem Hinweis „ich sah noch auf keinem Ball so viele Blumen”  und er behauptet, daß Strauss den Walzer am Balltag erst komponiert und erst kurz vor Beginn des Balles fertig hatte.

Johann Strauss Vater war bis zum Faschingsende mit Ausnahme der Freitage an jedem Abend bei  drei oder mehr Bällen im Sperl, den k.k. Redoutensälen, dem Odeon und dem Sophienbad-Saal, sowie bei Privatbällen im Einsatz, Strauss Sohn leitete die Harmoniebälle samstags, zahlreiche Privat- und Gesellschaftsbälle, sowie die Sonntag Nachmittags-Conversationen in Dommayer´s Casino und nicht annoncierte Bälle im Grazien-Saal und >zum goldenen Strauß<.

Der Kalender von Strauss Vater sah so aus:

 

Samstags: Flora-Ball mit Blumenspende beim Sperl

Sonntags: Großer öffentlicher Ball beim Sperl, Großer Fest-Ball im Odeon und

Großer Ball im Sophienbad-Saal, sowie

Nachmittags-Conversation im k.k. Volksgarten

Montags: Gesellschafts-Ball beim Sperl

Dienstags: unterschiedlich: k.k. Redoutensäle oder Odeon oder Sophienbad-Saal

Mittwochs: Großer Fest-Ball im Odeon

Donnerstags: Devisen-Ball "Amors Taubenpost" im Sperl

 

Einen interessante Einblick in den Ablauf der Faschingsbälle im Vormärz und über den Einsatz des Herrn Kapellmeister Strauss Vater (die Söhne von Johann Strauss Vater werden später ähnlich vielseitig agieren) gewährt uns der Korrespondent des „Wanderer” in seinem Artikel über die Bälle am 4. Februar 1846.

Der Herr L-s. (Langweis) hatte wohl für alle 4 Bälle bei denen Johann Strauss Vater angekündigt war Billets erworben, besuchte aber nur den Musikvereinball in den k.k. Redoutensälen wo die Gesellschaft der Musikfreunde feierte und den Ball zum Besten des Kinderspital auf der Wieden im Sophienbad-Saal.

 

Auf ersterem produzierte Strauss sein Opus 187, die „Concert Souvenir-Quadrille” die am Uraufführungsabend noch „Erinnerungen an die Concertsaison 1846” hieß.

In den Redoutensälen waren über 2000 Menschen zugegen, im Sophienbad-Saal sollen es über 3000 gewesen sein.

 

Interessant ist, wie Johann Strauss die Aufgaben bewältigte: Er spielte von 11 bis 12 Uhr am Musikvereinball, von halb 1 bis halb 3 Uhr im Sophienbad-Saal und von 3 Uhr bis Morgens abermals am Musikvereinball.

 

Im Odeon bei einem großen Fest-Ball und bei dem Gesellschafts-Ball des Herrn Weberfeld im Sperl müßten ebenfalls Kapellen von Strauss Vater tätig gewesen sein. Lies er sich dort an dem Abend nicht sehen oder war er vor 11 Uhr schon dort oder war mit den Veranstaltern vereinbart, daß er sich von Orchesterleitern vertreten lies ?

Wenn die Angaben genau sind, hat er vom Dirigentenpult in den k.k. Redoutensälen in der Hofburg bis zu dem auf der Landstraße gerade einmal eine halbe Stunde gebraucht.

 

Über Hof- und Kammerbälle in diesem Karneval sind wenige Details bekannt, es wurde aber trotz Hoftrauer mehrfach auf solche hingewiesen und es ist sicher, daß der neu ernannte Herr Hofball-Musikdirector Johann Strauss auch dort für die Produktion der Musik herangezogen wurde. Er produzierte auch bei Privatbällen und Soiréen in privaten Circlen die Musik und auch in Unger´s Casino leitete Strauss Vater am 21. Februar die Musik.

 

Einer der Orchesterleiter die Strauss an solchen Abenden in einigen der Lokale vertraten war sicherlich der ehemalige Primgeiger Lanners, Herr Joseph Raab, welcher nach dessen Tod zunächst das Orchester leitete, danach in Schröder´s Orchester spielte und im Karneval 1846 im Odeon und im Sophienbad-Saal in Strauss´ Vaters Abwesenheit die Musik zur größten Zufriedenheit der Tanzenden leitete und Mitte Februar fest zu Strauss´s Fahne geschworen hatte und in dessen Orchester fest als Mitglied eingetreten war.

 

Die Mitteilung über die Ernennung von Johann Strauss zum k.k. Hofball-Musikdirector war schlicht und einfach.

Der für den 28. Januar geplante Ball der Gesellschaft der Musikfreunde im k.k. Redoutensaal mußte „wegen eingetretener Hindernis der Benutzung des k.k. Redouten-Saales” auf den 4. Februar verlegt werden als ihn Herr Langweis . Strauss Vater komponierte für den Ball die besagte „Concert Souvenir-Quadrille”, die in manchen Blättern als Wüsten-Quadrille angekündigt wurde.

 

Auf dem großen Fest-Ball, dem „Serben-Ball” am Lichtmeßtag, dem 2. Februar unter der Bezeichnung "Erinnerung an die Birnzeit" im Grazien-Saale  präsentierte Strauss Sohn erstmals seine Serben-Quadrille, Opus 14. Er widmete das Werk Mihailo Milosevic Obrenovic, Fürst von Serbien. Außerdem trug er Lanner´sche Walzer-Partien vor.

Anfang Februar berichtete „Der Wanderer” daß Strauss Sohn dieser Tage die Musik bei einigen Bällen in Wieselburg und Raab leiten wird. Es gibt keine Belege für eine Reise nach Raab und nur über einen Ball am 9. Februar in Wieselburg.

 

Ein weiterer Artikel im „Wanderer” am 9. Februar las sich zuerst unglaubwürdig. Herr L-s. kündigte den brillanten Gesellschaftsball, den Bürger-Officier-Corps-Ball am 11. Februar in Dommayer´s Casino in Hietzing an, der ausverkauft war. Die Musik sollte von dem k.k. Hofball-Musikdirector und Capellmeister des ersten Bürgerregimentes, Hr. Johann Strauss persönlich dirigiert werden und er sollte eine neue Quadrille zur Aufführung bringen.

 

In Dommayer´s Casino war in diesem Karneval aber sein Sohn für die Musik zuständig der „auch die Musik zu den Bällen in Person dirigieren wird” und gemäß Ballkalender auch den am 11. der Herren Bürger-Offiziere. Der Artikel weist aber doppelt auf den Vater hin. K.k. Hofball-Musikdirector und Capellmeister des ersten Bürgerregimentes war Strauss Vater. In der Opus-Liste von Strauss Vater ist keine Quadrille mit dem Uraufführungsdatum 11. Februar enthalten. Andererseits ist nicht nachweisbar wann und wo der  „Esmeralda-Marsch in Wiener-Bürger-Marsch des 1. Regiments Nr. 6”, Opus 192 erstmals aufgeführt wurde und auch Ort und Datum der ersten Aufführung des Opus 196 der „Charivari–Quadrille” ist nicht klar. Der Marsch könnte zu dem Anlaß des Balles passen. Eine Quadrille wird ja in dem Artikel erwähnt. Die Herren Bürger-Offiziere hatten  wohl auf den Capellmeister des ersten Bürgerregimentes mit seiner Kapelle im „fremden Terrain” bestanden und Ferdinand Dommayer und  Strauss Sohn dieser Ausnahme zugestimmt. Herr L-s. hat sich also nicht verschrieben obwohl er  ja, wie sein Frack, in diesem Fasching recht stark in Anspruch genommen war.

Johann Strauss Sohn hatte also zumindest wegen diesem Ball keine Eile um von seiner kurzen Reise nach Mosonmagyaróvár, auf deutsch Wieselburg-Ungarisch Altenburg im Nordwesten Ungarns, wo er am 9. Februar bei  einem Schützen-Ball des löbl. Altenburger Schützencorps im Saale des Rathauses die Musik leitete, nach Wien zurück zu eilen. Strauss traf mit seiner Capelle nach vielen Drangsalen auf der durch Regenwetter höchst miserablen Straße in Altenburg ein wo er enthusiastisch begrüßt wurde.  Der „Altenburger Walzer” den er dem löbl. Schützen-Corps gewidmet hat und den er auf dem Ball uraufführte ist nicht, zumindest nicht unter diesem Titel erhalten.

Die Stadt Mosonmagyaróvár ist 1939 aus der Zusammenlegung der Städte Moson (Wieselburg) und Magyaróvár (Ungarisch-Altenburg) entstanden und liegt an der Leitha. Im Königreich Ungarn war erst Moson, später Magyaróvár Hauptstadt des Komitats Wieselburg. Der Ort Altenburg (Óvár) wurde zwecks Unterscheidung zum in Niederösterreich liegenden Deutsch-Altenburg als „Ungarisch-Altenburg“ („Magyar-Óvár“) bezeichnet.

 

Für die knapp 90 Kilometer lange Reise stand das Netz der „Wien-Raaber-Bahngesellschaft“ nur bis Bruck a.d. Leitha, für knapp die Hälfte der Strecke zur Verfügung. Der ursprüngliche Plan, die Stadt Raab (Györ) zu erreichen, konnte ja noch nicht umgesetzt werden. Die vielen Drangsalen auf der höchst miserablen Straße waren also auf der zweiten Streckenhälfte.

Am 16. Februar lud Johann Strauss, k.k. Hofball-Musik-Director zu seinem großen Benefice-Fest-Ball unter dem Titel "Das Leben ein Tanz" in sämtliche Winter- und Sommer-Säle im Sperl ein, bei dem drei Musik-Chöre mitwirkten. Durch die Verleihung des Titels und die Erwähnung auf den Plakaten und in Annoncen erübrigte sich der Zusatz „Vater”. Die erwartete Erstaufführung war der Walzer „Die Vortänzer”, Opus 189, „Dem hochgeborenen Grafen Edmund Zichy, k.k. Kämmerer” gewidmet. Hatte Graf Zichy etwa mit der Verleihung des Titels zu tun ?

Der neue k.k. Hofball-Musik-Director leitete abends die Musik bei einem k.k. Hofkammer-Ball und erschien erst nach 11 Uhr „im Sperl” zu seinem eigenen Benefice-Ball. Auf dem Ball sollen nur 1200 Besucher zugegen gewesen sein.

 

Schon am folgenden Tag fand die prachtvoll decorierte Fest-Schau im Odeon zu Ehren der Industriellen mit einem großartigen illustrierten nationalen Fest mit Ball unter der Bezeichnung „Die Schatzkammer der Industrie” mit „allegorischer Darstellung der sämmtlichen Provinzen der Monarchie und der Wunderkräfte unserer Zeit” statt. Die Ballmusik war unter der Direction des k.k. Hof-Ball-Musikdirectors Johann Strauss, in den Tanz-Pausen unterhielt Philipp Fahrbach mit der Regiments-Musik-Capelle und der berühmte Luftschiffer Herr Lehmann der zu diesem Feste einen Zauber-Ballon konstruiert hatte. Das Fest soll 12.000 Besucher ins Odeon gelockt haben. Andere Berichte nannten 15.000 verkaufte Billets. Die Wagen hielten bis Mitte in die Stadt hinein und erst nach Mitternacht konnte der letzte vorfahren. Wegen des übergroßen Gedränges konnte der Tanz erst gegen Morgen beginnen und um 6 Uhr früh sollen immer noch 1500 Personen anwesend gewesen sein.

Am 18. Februar veranstaltete „das sämmtliche Chorpersonale des k.k. priv. Theaters an der Wien” in den Sälen zum goldenen Strauß im Josephstädter Theater einen großen Fest-Ball bei dem Strauss Sohn sein großes Orchester persönlich leitete. In der Raststunde trugen die Ballveranstalter Chöre der Herren Capellmeister Titl und Franz von Supé vor.

Dann näherte sich der Carneval seinem Ende. Der Sophienbad-Saal kündigte die letzten Ballfeste am 22. und 23. Februar und danach die sofortige Umwandlung in eine Schwimmschule an.

 

„Im Sperl” wurde am 18. Februar ein zusätzlicher Gesellschafts-Ball veranstaltet und beim Dommayer der letzte Flora-Festball am 21. Februar wiederholt.

 

Am Fasching-Montag, dem 23. Februar war der Herr Hofball-Musikdirector Strauss wieder bei drei Bällen gleichzeitig im Einsatz. Bei dem Carnevals-Schluß-Fest unter der burlesken Bezeichnung "Der Himmel voller Geigen" in den Sälen zum Sperl, dann bei dem außerordentlichen Fest-Ball im Odeon dessen halber Ertrag zum Besten des Kinderspitals St. Joseph auf der Wieden bestimmt war, gemeinsam mit der Regiments-Musik mit Philipp Fahrbach und bei einem Subscriptionsball im Sophienbad-Saal.

Johann Strauss Sohn war doppelt im Einsatz nämlich bei dem großen Schluß-Ball-Fest zu seinem Benefiz in Dommayer´s Casino, bei dem er den Walzer „Zeitgeister”, sein Opus 25 uraufführte und bei dem großen Fest-Ball unter dem Titel  "Amors Damen-Spende oder jede Dame hat Glück" in den Sälen zum goldenen Strauß.

 

Bei seinem eigenen Ball-Fest feierte Strauss Sohn einen wahren Success. Sein neues Werk wurde als Zierde des ganzen Walzertums bezeichnet und wurde an diesem Abend vielleicht zehnmal gespielt. In der Raststunde spielte er auf Verlangen ungarische Melodien, die er ebenfalls vortrefflich executierte.

Im Odeon wurde am Dienstag der Fasching mit einem außerordentlichen Fest zum Schluße des Carnevals unter dem Motto Tag und Nacht ab 4 Uhr Nachmittag mit einer Soirée, bei der Fahrbach mit seiner Capelle spielte und mit einem Ball ab 7 Uhr bei dem die Musik unter der Leitung von Johann Strauss Vater war, verabschiedet.

Im Karneval 1846 wurden die Wohltätigkeitsbälle, nämlich am 4. Februar ein außerordentlicher Fest-Ball zum Besten des nur für Kinder armer Eltern bestimmten Kinderspitals zum heiligen Joseph auf der Wieden im Sophienbad-Saal, am 6. Februar ein Maskenball mit Lotterie zum Besten der Armen im k.k. Redoutensaal, am 10. Februar  der von Ferdinand Carl Manussi veranstaltete Ball zum Besten der Versorgungs- und Beschäftigungsanstalt für arme erwachsene Blinde im großen k.k. Redoutensaal der nach Abzug der Auslagen einen Ertrag von 1229 fl. 31 kr. einbrachte, und ein Gesellschaftsball eines Witwenfonds im Sperl veranstaltet.

Bei allen Bällen besorgte Strauss Vater die Musik.

 

Die übrigen Kapellmeister in Wien gingen unter der Dominanz der Sträusse unter. Nur Ludwig Morelly, der „zum grünen Thor”  und „zum goldenen Steg” die Musik leitete fiel noch halbwegs auf. Franz Ballin leitete die Ballmusik im Elisium.

 

Johann Strauss Vater leitete im Karneval 16 Bälle in den k.k. Redouten-Sälen, angeblich trotz Hoftrauer 7 k.k. Hof- und Kammerbälle, 13 Bälle im Odeon, 14 im Sophienbad-Saal, 35 im Sperl, den Bürger-Offiziers-Ball in Dommayer´s Casino am 11. Februar, den Ball in Unger´s Casino am 21. Februar, 13 Privatbälle bei Fürst Metternich, Fürst Schwarzenberg und anderen hohen Herrschaften, zusammen 102 Bälle plus eine Reihe von Privatbällen. Von den 102 Bällen waren im Januar 35 und im Februar 67, alleine in den 9 Tagen vom 15. bis 24. Februar 36 an der Zahl. Wäre die Hoftrauer nicht eingetreten wären es bis 150 Bälle gewesen.  Er präsentierte 4 neue Walzer und 1 Quadrille.

 

Strauss Sohn leitete die Musik bei über 60 Bällen, komponierte 3 Walzer, wovon die „Zeitgeister” weder zuzuordnen noch gedruckt und die „Altenburger Walzer” nicht gedruckt wurden, sowie eine Quadrille.

 

Dann erst kamen Ludwig Morelly, Bendl, Adam und Schröder. Franz Schröder leitete selbst nur 2 Bälle, an allen anderen Tagen wurde sein Orchester von Strauss Vater in Beschlag genommen der täglich auch manchmal 270 Musiker beschäftigte.

Die besten Geschäfte soll das Odeon, gefolgt vom Sperl, Dommayer, Sophienbad-Saal, Sträußl und Grazien-Saal, also alles Strauss-Lokale gemacht haben und noch ein Zeichen für die Dominanz von Strauss Vater und Sohn. Bereits kurz nach Faschingsende gab es Gerüchte, daß der Tanzmeister Reiberger nicht mehr gesonnen sein soll im nächsten Jahr die „goldene Birn” zu übernehmen.

 

Die Verleger gaben auch wieder Neuerscheinungen während des Karnevals aus

Mechetti am 12 . Januar Opus 11 von Strauss Sohn        Haslinger am 16. Januar Opus 182

                                                                                                              von Strauss Vater. Opus 182 ist ein

                                                                                                              Druckfehler, Korrekt ist Opus 181 !

Am 3. Februar Opus 183 des k.k. Hofball-Musik-Director und am  5. Februar Opus 12 und 13 von Strauss Sohn

Der Verlag  Tobias Haslinger’s Witwe & Sohn wurde beauftragt ab dem 1. März die Concerte des Herrn Franz Liszt welches erstes vorläuftig für Samstag den 1. März bestimmt war, zu arrangieren, während Franz Pokorny, der im August 1845 auch das Theater an der Wien erwarb, die Doppelbelastung, denn er war seit 1836 auch Direcotor des Theater in der Josephstadt zu viel wurde. Er suchte daher per Inserat einen Käufer oder Pächter für das Theater nebst dem 800 bis 1000 Menschen fassenden Tanzsaal und die Gasthaus-Localitäten >zum goldenen Strauss< plus 3 Häusern in der Josephstadt.

Für die üblichen Conversationen über die Fastenzeit hinweg war Strauss Vater, wie in den Vorjahren im k.k. Volksgarten verpflichtet. Die erste, am 1. März soll von einem gewählten außerordentlich zahlreichen Publikum besucht gewesen sein und Strauss hat dabei nicht nur neue Werke sondern auch ein älteres Werk mit dem Titel „Champagnertänze” aufgeführt die mit sehr viel Beifall begrüßt wurden. Gemeint waren entweder der „Champagner–Galopp”, Opus 8 oder die „Champagner-Walzer” Opus 14, die beide aus dem Jahr 1828 sind.

 

Franz Schröder mußte die Soiréen in Zögernitz’s Casino ab März unterbrechen weil Herr Franz Zögernitz junior nach jahrelanger Vermietung an Herrn Schippler, das Casino übernommen hatte und plante es bis Ostern ganz neu zu renovieren.

 

Johann Strauss Sohn leitete am 1. März noch eine Soirée "zum goldenen Strauss" und wechselte dann in Dommayer’s Casino wo er sonntags die Nachmittags-Conversationen leitete.

 

Am 10. März veranstaltete der Menschenfreund Johann Strauss Vater eine große Abendsoirée in den Sälen zum Sperl zum Besten einer durch Unglück zum Erwerb unfähigen Familie, eines in Not geratenen Familienvaters mit 8 Kindern. Am 12. folgte eine große Soirée im Odeon bei der er mit verstärktem Orchester, abwechselnd mit der Regiments-Capelle Baron Hrabovsky unter Leitung des Capellmeister Hauser, der Jahreszeit entsprechend die gediegensten Tonpiecen ernsterer Gattung vorzutragen die Ehre hatte.

 

Ob die Flora-Soiréen in den Sälen zum Sperl am Sonntag den 14. nach der Conversation im Volksgarten und am 19. März, dem Josephinenfest, die einzigen ihrer Art waren ist nicht überliefert. Die Mitteilung des „Wanderer” über einen mehrwöchigen Kunstausflug von Strauss war allerdings falsch.

Auch die Veranstaltungen von Strauss Sohn sind nicht lückenlos nachweisbar. Wahrscheinlich leitete er die Sonntag-Nachmittags-Conversation in Dommayer´s Casino  ab 3 Uhr und große Soiréen >zum goldenen Strauß< sonntags ab 8 Uhr.

 

Bei der Wohltätigkeits-Soirée am 10. März im Sperl kam gegen 11 Uhr Franz Liszt der eben sein viertes Concert im Musikvereinssaal beendete in den Saal und nahm am Tisch von Carl Haslinger Platz. Er erregte die Aufmerksamkeit des Publikums und von Strauss Vater der die schwere Ouverture von Berlioz „Der Carneval von Rom” mit bewundernswerter Präzision ohne auszusetzen und danach seine Loreley-Rheinklänge und andere Walzer in einem Zuge spielte bis ihn Liszt persönlich vom Orchester holte.

 

Philipp Fahrbach, bislang Capellmeister der Regiments-Capelle Hoch- und Deutschmeister machte sich selbstständig und gründete eine eigene Kapelle aus 20 Individuen. Sein erster Auftritt war am 30. März in der geräumigen Bierhalle. Schröder wechselte in Kremser’s Localitäten am Währingerspitz, Adam spielte im Fuchs’schen Casino in Simmering.

 

Der Herr k.k. Hofball-Musikdirector hatte seinen Kalender für die Sommer-Saison bereits in Ordnung. Es verlautbarte, daß er die Einteilung seiner Soiréen und Reunionstage wie folgt bestimmen wird:

 

Montags Fest im Garten des Odeon, Dienstags Nachmittags-Reunion oder Fest im k.k. Volksgarten, Mittwochs Abend-Soirée im Garten zum Sperl, Donnerstags Abend-Soirée in Burger’s Gartenlocali- täten >zum grossen Zeisig<, Freitags Nachmittags-Reunion im k.k. Volksgarten, Samstags Abend-Soirée im Sperl, Sonntags Nachmittags-Reunion in Unger’s Garten-Localitäten.

 

Auch in dieser Ankündigung wurde Strauss Sohn hinter seinem Vater aber vor allen anderen Musikdirectoren genannt. Seine zweite Postion in Wien war eindeutig gefestigt.

 

Strauss Vaters Saison begann am Ostermontag, den 14. April mit einer großen musikalischen Soirée im Odeon. Um halb 8 Uhr begann die Musik-Capelle des Pionier-Corps mit Capellmeister Mattes, ab 9 Uhr, nach Ende der Conversation im Volksgarten, wechselte das verstärkte Orchester von Strauss   mit dem Musik-Corps des Infanterie-Regiments Baron Hrabovsky unter Capellmeister Hauser ab. Um halb 11 Uhr führten die beiden Orchester das große charakteristische Tongemälde „Die Schlacht bei Leipzig” von Riotte mit 150 Personen aus. Die vorkommenden Trompeter-Chöre führte die Capelle des Pionier-Corps aus. Das Fest fand allerdings im Saal statt.

Johann Strauss Sohn spielte nach wie vor bei den Sonntag Nachmittags-Conversationen in Dommayer’s Casino, und ab 16. April donnerstags bei großen Soiréen im Bogner'schen Kaffeehaus im Prater und im Gasthaus "zum goldenen Strauß".

 

Bei der Bürgermilitär-Parade am 19. April, dem 53. Geburtstag von Kaiser Ferdinand paradierte Johann Strauss Sohn zum ersten Male in Uniform in seiner Ehrenstellung als Kapellmeister des zweiten Regimentes und er komponierte für diesen Anlaß einen „Austria-Marsch”, sein Opus 20 und führte diesen mit der 40 Mann starken Bande erstmals auf.

Dem Vernehmen nach soll auch Strauss Vater mit der Musik-Bande des 1. Bürger-Regiments an der Parade teilgenommen haben. Es war also das erste Zusammentreffen der beiden bei öffentlichen Veranstaltungen. Nachmittags spielten beide bei den Conversationen und abends wurde auf vielseitiges Verlangen die große Soirée im Odeon mit der gleichen Ausstattung wie am 16. April wiederholt. Die ebenfalls, bei günstiger Witterung geplante Saisoneröffnung in Unger’s Casino fiel dagegen aus.

 

Während Strauss Sohn am darauffolgenden Sonntag, den 26. April nur bei einem Ball im Gasthaus "zum goldenen Strauß" auftrat und dabei sein Opus 26, die „Fidelen-Polka” uraufführte hatte sein Vater einen ausgefüllten Tag.

Selbst bei ungünstiger Witterung wurde bei Eröffnung des Promenade-Gartens in Unger´s Casino, ab 4 Uhr mit einer musikalischen Nachmittags-Unterhaltung die Saison eröffnet. In den k.k. Redoutensälen wurde zur Nachfeier des Geburtstages von Kaiser Ferdinand ein Bürgerfest in Verbindung mit einem Maskenball zum Besten des St. Joseph Kinderspitals veranstaltet. Dabei war im kleinen k.k. Redoutensaal ein umfangreiches Programm angekündigt, die Ballmusik im großen Saal stand unter der Leitung des Herrn Hofballmusikdirektors. In der Ruhestunde wurden 7 Vokal-Chöre durch das Chorpersonal des Theaters an der Wien vorgetragen. Der Maskenball begann um 9 Uhr. Im Odeon wurde ein großes außerordentliches Fest-Panorama mit Ball unter dem Titel „Die Feyer der Eythere in den Gärten der Hesperiden oder Der goldene Apfel des Paris” veranstaltet für das Johann Strauss sogar mit seinem ungewöhnlich verstärkten Orchester ab 9 Uhr angekündigt wurde. Wer bei den öffentlichen Bällen in den Sommer-Sälen zum Sperl sonntags die Musik leitete bleibt ebenso unerwähnt wie in den Vorjahren.

Auch in den anderen Lokalen begann die Saison. Im Fuchs’schen Casino leitete J.A. Adam die Musik, im dem vor wenigen Tagen eröffneten Casino von Ferdinand Zögernitz Franz Schröder, im Brauhausgarten zu Fünfhaus an Sonn- und Feiertagen Militär-Musikkapellen, montags Philipp Fahrbach, donnerstags Franz Schröder und dienstags und freitags das Orchester des Herrn Rosenberg. Im Hüttelberger Brauhaus ein Herr Musikdirector Drahaneck.

 

Zu Beginn der eigentlichen Sommer-Saison am 1. Mai veranstaltete Johann Strauss Vater im k.k. Augarten eine Matinée musicale zum Besten des unter dem Schutz der Kaiserin stehenden Kinderspitals bei der er eine Fest-Ouverture von Carl Haslinger komponiert, aufführte. Das Wetter soll angeblich sehr rauh gewesen sein ab 9 Uhr hat es sogar geschneit.

 

Im Sperl wurde bei winterlichen Verhältnissen eine Frühlings-Feier zur Eröffnung der Gärten und der mit Gas beleuchteten Sommer-Säle veranstaltet, mittags war im Speise-Garten eine Tafelmusik geplant, abends die erste große musikalische Soirée des k.k. Hofballmusikdirectors

Strauss Sohn leitete die Musik bei der ersten großen Soirée >zum goldenen Strauß<.

Im Odeon wurden am 3. und am 10. Mai weitere Feste mit Ball veranstaltet. Das Arrangement blieb das gleiche, nur die Titel wechselten. Am 3. Mai erhielt das großartige prachtvolle Ball- und Gartenfest zur Eröffnung der Frühlingssaison den Titel "Eine Nacht im Eldorado oder Odeon im Prachtschmuck". Es wurden nur 8000 Eintrittskarten verkauft um die Anwesenden durch allzu großes Gedränge und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten nicht in einem Vergnügen zu stören.  Strauss Vater spielte sein Opus 194 mit dem passenden Titel „Eldorado-Quadrille” zum ersten Mal. Am 10. Mai hies es nur Fest-Panorama mit Ball.

 

Am 4. Mai wurde dem neuen Hofballmusikdirector wieder die Ehre zu Teil bei dem alljährlichen Rosenfest im Kaisergarten bei dem das allerhöchste Kaiserhaus und die Prinzen von Preußen und Oldenburg, sowie der Herzog von Braunschweig anwesend waren von 1 bis 6 Uhr die Musik zu produzieren. Im k.k. Volksgarten  begann die Saison am 5. Mai mit der ersten großen Soirée.

 

Am 2. Mai kündigte der Wanderer an, daß der Berliner Strauss, der Kapellmeister Joseph Gungl auf seiner Rückreise aus Pest mit seinem Orchester bestehend aus 30 Musikern Wien besuchen werde und im Theater in der Josephstadt zwei Produktionen veranstalten wird.

 

In den Besprechungen wurde der geringe Besuch im Theater erwähnt und bedauert, daß Gungl nicht einen Saal oder Garten gewählt hat. Da auch die Einnahmen zurück blieben hat Gungl den Rat befolgt und Soiréen am 3. und 9. Mai in den Saal-Localitäten >zum grünen Thor>, am 4. und 11. Mai je eine Soirée im Sperl und am 8. und 10. Mai >zum goldenen Strauß< je eine Soirée musicale,  sowie eine große Abschieds-Soirée am 12. Mai in Zögernitz´s Casino gegeben. Am 13. Mai veranstaltete er eine musikaische Produktion zum Besten der barmherzigen Schwestern im k.k. großen Redoutensaal, und weitere Soireée musicale am 17.  und 20. Mai >zum goldenen Strauß< dann reiste er ab. Trotzdem soll er , wie der „Wanderer” wissen wollte, mit seinem Compagnon Sommer, dem Inhaber eines hübschen Saales in Berlin die Stadt Wien mit einem namhaften Verlust verlassen haben. Der „Wanderer” schlußfolgte, daß nur Strauss Vater mit einem ganzen Orchester eine Kunstreise unternehmen könne. Es ist aber auch überliefert, daß Strauss Vater keine nenneswerten Gewinne von seinen Kunstreisen ins Ausland nach Hause gebracht habe.

 

Joseph Gungl, eigentlich József Gungl, wurde am 1. Dezember 1810 in Zsámbék geboren und starb am 31. Januar oder am 1. Februar 1889 in Weimar. Er war ein ungarndeutscher Komponist und Militärkapellmeister und wirkte ab 1834 als Oboist und Musikmeister einer österreichischen Militärkapelle. Mit der eigenen Kapelle, die er 1843 in Berlin aus 16 steierischen Musikern gründete, unternahm er Konzertreisen durch Oberösterreich, nach München, Augsburg, Nürnberg und Frankfurt/Main und bis nach Rußland. 1848 verließ Gungl Berlin. Nachdem er in Hamburg, in Hannover und in Bremen noch mit großem Beifall Konzerte gegeben hatte, begab er sich am 15. 10.1848 mit seiner mittlerweile 30-Mann-Kapelle von Bremerhaven nach Amerika, wo er in New York, Boston, Philadelphia und Baltimore auftrat. Es wurde ihm auch die Ehre zuteil, zur musikalischen Umrahmung der Amtseinführung des Präsidenten Taylor beizutragen. Ende August 1849 kehrte er wieder nach Berlin zurück, wo ihm der Titel eines königlich preußischen Musikdirektor verliehen wurde.1858 wurde ihm von Kaiser Franz Joseph der Orden der kaiserlichen Krone verliehen. Von 1858 bis 1864 war er erneut Militärkapellmeister und leitete dann bis 1870 wieder eine eigene Kapelle in München. Im Sommer 1868 gründete der "Ungarn-deutsche Walzerkönig" für die Kurmusik das bis heute bestehende Kur-Orchester in Bad Reichenhall - die heutige "Bad Reichenhaller Philharmonie". Nach ihm waren Karl Hünn, Gustav Paepke, sein Schwiegersohn und, in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, Dr. Wilhelm Barth Leiter des Orchesters.

 

Gungl komponierte über vierhundert Walzer, Polkas, Mazurken und Märsche. Seine populärsten Werke sind der Konzertwalzer Träume auf dem Ozean und der Ungarische Marsch, der auch von Liszt für Klavier transkribiert wurde.

 

Auch von seinem Neffen János Gungl (* 5. März 1828 in Zsámbék; † 27. November 1883 in Pécs), der von 1848 bis 1862 Violinist der Hofkapelle von Sankt Petersburg war, sind über einhundert Tänze überliefert. 1840 heiratete Gungl in Graz Barbara Reichl, für die er später die Cajetana-Tänze „Walzer Opus 116“ komponierte. Aus der Ehe gingen 4 Töchter hervor.  Gungl war der erste, der in Graz Orchestermusik (mit Saiteninstrumenten) für öffentliche Vergnügungskonzerte einführte. 1846 traf Gungl in Pest (Budapest) Franz Liszt, der sich bei ihm entschuldigte, ohne seine Erlaubnis vom „Ungarischen Marsch“ unter dem Titel „Ungarischer Sturmmarsch“ eine Transkription komponiert zu haben.

Und noch eine weitere Ankunft erregte in Wien großes Aufsehen.  Jenny Lind kam am 18 April  in Wien an und trat am 22. April zum ersten Mal im Theater an der Wien als Norma in Bellinis gleichnamiger Oper auf. Sie trat noch in den Opern die Nachtwandlerin von Bellini, Freischütz von C.M. von Weber und Ghibellinen in Pisa auf und nahm am 21. Mai an einer Wohltätigkeitsakademie zum Besten der Blindenanstalt im Theater an der Wien teil, und reiste am 23. Mai nach Aachen ab.

Jenny Lind wurde am 6. Oktober 1820 in Stockholm als Johanna Maria Lind geboren. Sie starb am 2. November 1887 in Malvern, Worcestershire in England. Sie war eine schwedische Opernsängerin (Sopran), die wegen ihrer kometenhaften, kontinentübergreifenden Karriere auch als „Die schwedische Nachtigall“ in die Musikgeschichte einging.

 

Jenny Lind, die aus armen Verhältnissen stammte, wurde schon im Alter von neun Jahren in das Konservatorium Stockholm aufgenommen. Sie debütierte am 7. März 1838 in der Rolle der Agathe in Webers Der Freischütz und wurde mit 20 Jahren Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie in Stockholm und zur Hofsängerin ernannt. Sie studierte 1841 bei in Paris und trat 1844 erstmals in Berlin auf, später in allen Hauptstädten Europas. Vor allem in Opernarien von Bellini, Meyerbeer, Rossini und Donizetti hatte sie ihre glänzendsten Auftritte. Sie wurde von den Königshäusern Europas hofiert und zu Aufführungen eingeladen, so u.a. von König Oskar I. von Schweden und Norwegen, Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und Queen Victoria von Großbritannien.

 

Nicht nur ihre Stimme muß brillant gewesen sein, sie vermochte durch ihre Schönheit offenbar auch, verschiedene Dichter in ihren Bann zu ziehen. 1843 verliebte sich der Dichter Hans Christian Andersen in sie, was sie aber nicht erwiderte. Die zu dieser Zeit entstandene Geschichte „Die Nachtigall“, die sich nach einer biographischen Notiz Andersens eindeutig auf sie bezieht, führte bald dazu, dass Jenny Lind als „Die schwedische Nachtigall“ bezeichnet wurde. Zu ihren Bewunderern gehörten Robert Schumann, Hector Berlioz und vor allem Felix Mendelssohn Bartholdy, mit dem sie eine jahrelange Freundschaft verband.

 

Auf der Tournee 1846 in Wien hörte sie der Dichter Franz Grillparzer und schwärmte in romantischer Verzückung über ihre Gesangskunst:

"Und spenden sie des Beifalls Lohn

Den Wundern deiner Kehle

Hier ist nicht Körper, Raum, noch Ton

Ich höre deine Seele."

 

1848 lernte sie Frédéric Chopin in London kennen doch trotz gegenseitiger Zuneigung, die aus Briefen an ihre Familie bekannt wurde, und heftiger Bemühungen ihrerseits, unter anderem einer Reise nach Paris im Mai 1849, schaffte sie es nicht, ihn zu einer Ehe zu bewegen.

Diese Enttäuschung hatte wesentlichen Einfluß auf ihren weiteren Lebenslauf, denn 1849, mit nur 29 Jahren, zog sie sich für die Öffentlichkeit überraschend von der Opernbühne zurück und widmete sich ausschließlich dem konzertanten Liedgesang.

 

Jenny Lind ist noch heute dafür bekannt, bei ihrer von P. T. Barnum organisierten Tournee durch die USA 1850-1852 Gegenstand eines Starrummels von bis dahin unbekannten Ausmaßen gewesen zu sein. Es existieren zeitgenössische Illustrationen, die ein außer Rand und Band geratenes Publikum abbilden. Ihr Begleiter am Klavier war der Pianist Julius Benedict.

 

In Boston heiratete sie den deutschen Komponisten Otto Goldschmidt (1829-1907), der auch ihr Pianist war, und kehrte 1852 mit ihm nach Europa zurück, wo sie nur noch selten im Rahmen von Wohltätigkeitsveranstaltungen auftrat. Zwischen 1852 und 1855 wohnte sie in Dresden, ab 1856 in London. In den folgenden Jahren gebar sie zwei Söhne und eine Tochter. 1870 trat sie auf dem Niederrheinischen Musikfest in Düsseldorf zum letzten Mal öffentlich auf. Dort sang sie das Sopransolo in dem Oratorium Ruth, das ihr Gatte komponiert hatte.

 

Seit der Gründung des Royal College of Music von London 1883 leitete sie bis 1886, ein Jahr vor ihrem Tod, die Meisterklasse für Gesang. Jenny Lind starb am 2. November 1887 im Badekurort Malvern und wurde in London in der Westminster Abbey am Poet's Corner begraben.

 

Jenny Lind vergaß nie ihre einfache Herkunft und spendete große Teile ihres Vermögens für arme Musiker, Hospitäler und Waisenhäuser. Daher tragen noch heute Einrichtungen, v.a. in Großbritannien, den USA und Schweden, ihren Namen. In den USA trifft man öfter auf Straßen, die nach ihr benannt sind. Eine Insel vor der Küste von Neuengland ist ebenso nach ihr benannt, wie eine Insel im Territorium Nunavut im Norden von Kanada. Das erste Opernhaus San Franciscos wurde Jenny Lind Opera House benannt.

 

1862 stiftete Jenny Lind einen Preis für junge schwedische Musiker, der mit einer dreijährigen Förderung verbunden war. Heute wird der Jenny-Lind-Preis jährlich an eine junge schwedische Sängerin vergeben und ist mit zwei Monatstourneen in den USA und in Schweden sowie mit einem Stipendium verbunden.

 

Als erster der Unterhaltungskapellmeister reagierte Strauss Sohn der am 28. Mai einen Walzer mit dem Titel „Lindgesänge”, Opus 21 bei einer großen Fest-Soirée zur Vorfeyer des allerhöchsten Namensfestes Sr. Majestät des Kaisers in Dommayer´s Casino präsentierte. Der „Wanderer” kündigte am 9. Mai eine neue Partie Walzer von Strauss Sohn, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt dem Publikum seine Aufmerksamkeit zu zeigen, mit dem Titel „Lind-Entusiasten”  für ein Lind-Fest beim „goldenen Strauß” an.

Nach dem letzten Auftritt von Jenny Lind am 22. Mai veranstaltete der Direktor des Theater an der Wien, Franz Pokorny zum Abschluß der Vorstellungen ein großes Fest in seiner Wohnung, Johann Strauss Vater mußte angeblich auf der Straße musizieren, da kein Platz mehr in der Wohnung war.

 

Das Detail in der Meldung auf die Produktion auf der Straße folgt später im Jahr noch einmal und sollte daher nicht als verbrieft angenommen werden.

Dieses Fest war allen Zeitungen einen Artikel wert.

Auch in den anderen Localen begannen die Veranstaltungen im Freien. In den erweiterten und verschönerten Burger’s Gartenlocalitäten zum grossen Zeisig am Burgglacis hatte der k.k. Hofballmusikdirector in diesem Jahr wieder „seinen Tron befestigt”, wie der „Wanderer” es ankündigte und begannen dort die Soiréen am 7. Mai. Bis dahin produzierte sich dort über 20 Mal die ungarischen Musiker aus Debreczin im National-Costume. Die erste musikalische Soirée in den Gärten und Sälen zum Sperl fand am 9. Mai statt und die Serie der Sommer-Feste begann am 22. Mai mit einem großen Fest unter dem Titel "Willkommen dem Frühling" im k.k. Volksgarten, bei dem außer Strauss Vater die Regiments-Kapelle Baron Hrabovsky unter J. Hauser mitwirkte.

 

Johann Strauss Sohn übernahm ab dem 27. Mai die persönliche Direction der Musik bei den Conversation in Kremser´s Localitäten am Währingerspitz jeweils mittwochs.

Tags darauf sollte die große Fest-Soirée zur Vorfeier des Namenstages von Kaiser Ferdinand in Dommayer´s Casino, bei der Strauss Sohn die „Lindgesänge” uraufführen wollte stattfinden. Die Zeitungen kritisierten schon, daß überall in Wien während der Lind-Vorstellungen die Preise um das Doppelte und Dreifache erhöht wurden und daß sich Strauss Sohn dem angeschlossen und die Preise von 10 kr. auf 20 kr. verdoppelt hat. Man bezweifelte, daß diese Lind-Speculation gut anschlagen würde.  Trotz des ungeünstigen Wetters hatte sich eine so zahlreiche Gesellschaft in Hietzing eingefunden, daß die Fest-Soirée zwar ausgefallen ist, aber Strauss Sohn dennoch eine gewöhnliche Soirée abhalten mußte. Auf allgemeines Verlagen trug er sein neues Werk, die „Lindgesänge” erstmals vor. Es wurde mit allgemeinem Enthusiasmus aufgenommen und er mußte es unter steigendem Beifall dreimal wiederholen.

 

Interessant ist, daß die Musikdirektoren die Eintrittspreise zu den Soiréen bestimmten. Es ist nicht bekannt ob diese auch in ihre Taschen flossen und ob sie für die Gärten und Säle in Wien Pacht zahlen mußten. Von den Berichten über die letzte Reise von Josef Strauss 1870 nach Warschau wissen wir, daß er dort den Garten des Schweizer-Tales für den Sommer gepachtet hatte.

 

Der Kalender des jungen Kapellmeisters war ebenfalls gut organisiert, aber nicht so voll wie der seines Vater der alle Wochentage belegt hatte.

 

Stauss Vater´s Kalender:

Montags: Fest im Garten des Odeon  oder große musik. Soiree im Garten bei den "Sieben Churfürsten"

Dienstags: Nachmittags-Reunion oder Feste im k.k. Volksgarten

Mittwochs: Abend-Soiréen im Garten zum Sperl oder große musikalische Soiréen im Garten bei den "Sieben Churfürsten" oder große Soirée zum "Großen Zeisig" am Burg-Glacis oder große musikalische Soiréen in den Sommer-Localitäten des Odeon

Donnerstags: Abend-Soiree in Burger’s Gartenlocalitäten >zum grossen Zeisig<

Freitags: Nachmittags-Reunion im k.k. Volksgarten

Samstags: Abend-Soiree im Sperl

Sonntags: Nachmittags-Reunion in Unger’s Garten-Localitaeten

 

Strauss Sohn hatte nach dem „Wanderer” folgende Soiréen ausgemacht:

 

Montags: bei der Wage auf der Wieden

Dienstags: >zum goldenen Strauß< in der Josephstadt, später Soiréen in Odeon

Mittwochs: Kremser´s Localitäten am Währingerspitz in Döbling

Donnerstags: Dommayer´s Casino

Freitags: zunächst frei, ab 10. Juli Soirée >zur Walhalla<

Samstags: Badhausgarten in Heiligenstadt

Sonntags: Dommayer´s Casino

 

Dann nahmen die Feste der Freiluft-Saison ihren Anfang.

 

Im k.k. Volksgarten wurde der Namenstages von Kaiser Ferdinand mit einer außerordentlichen  großen Fest-Soirée am Vorabend, dem 29. Mai gefeiert. Von Johann Strauss Vater war eine neu componierte Walzer-Partie „Fest-Lieder”, das spätere Opus 193, angekündigt. Möglicherweise fiel das Fest aus, die Uraufführung wurde bei der Nachfeier des Namensfestes am 2. Juni nachgeholt. Der neue Walzer wurde gespielt und mußte je nach Quelle zwei- oder dreimal wiederholt werden. Allerdings wurde in der Besprechung kritisiert, daß der Walzer nicht genügend einstudiert wurde und das sonst so treffliche Orchester schwankte.

Am 9. Juni fand ein großes Gartenfest mit einem eleganten Ball zum Besten der verunglückten  Bewohner von Langenlois "zum goldenen Strauß" statt. Strauss Sohn leitete die Ballmusik  in den Sälen, ein Trompeter Corps produziert sich im Garten.

Die Veranstaltungen in den Casinos und Gärten waren sehr beliebt. So besuchten am 7. Juni zwischen 5 und 6 Uhr trotz der üblen Witterung 2000 Menschen die Nachmittags-Unterhaltung von Strauss Vater in Unger´s Casino und Promenadegarten. Der Saal war gepfropft voll und im Garten lauschten eine unabsehbare Menge von Menschen unter Regenschirmen den fröhlichen Weisen.

 

Am Sonntag dem 14. Juni wurde in Dommayer´s Casino Franz Schröder angekündigt. Johann Strauss Sohn war auf Reise. Schon am 8. Juni kündigte der „Wanderer” an, daß Strauss Sohn mit seinem Orchester demnächst nach Pest abreist um dort einige Male zu spielen. Er verließ Wien am 12. Juni. Erst am 18. Juni wurde dort berichtet, daß er in Pest angelangt sei und seine treffliche Musikbande im Hotel „zum Tiger” einlogirt habe. Spätestens am 21. Juni war er wieder zurück  und leitete die Musik bei der Nachmittags-Conversation in Dommayer´s Casino.

 

In Pest soll er „Triumpfe gefeiert und so enthusiasmiert haben”, daß er bei einer Reunion im Horvarthgarten eine ungarische Anrede erhielt. Er soll angeblich 3 Reunionen gegeben haben, die 2. am Sonntag den 14. Juni, eine der „brillantesten, frequentesten, die Witterung die erwünschteste”.  Im Garten waren mehrere Tausend Menschen, viele aus der Elite der Gesellschaft. Welche Verhältnisse die Anwesenheit Strauss´s in Pest abkürzten ist nicht bekannt. Vermutlich hat Strauss bei seiner letzten Reunion am 16. Juni sein Opus 23, „Pester Czardas” uraufgeführt und ist danach umgehend nach Wien zurück gereist. Bei dieser letzten Reunion sollen nur 600 Gäste im Horwarthgarten gewesen sein.  

 

Strauss Sohn war auch am 16. Juni, als im Burghof in Wien das Denkmal für Kaiser Franz I enthüllt wurde in Pest. Sein Vater spielte mit der Kapelle des ersten Bürgerregiments und führte dabei sein opus 188 „Oesterreichischer Festmarsch” erstmals auf. Bereits am nächsten Tag erschien das Werk im Verlag Haslinger im Druck.

Aus Anlaß der Enthüllung fand am gleichen Abend ein außerordentliches Fest und Ball in den Sälen und Gärten „des Sperl” statt bei dem im Garten die Musik-Capelle des k.k. Pionier-Corps spielte und  die Ballmusik der k.k. Hofballmusikdirector leitete. Im Odeon wurde das Fest unter dem Titel „Oesterreichs Glorie” verbunden mit einem Ball gefeiert. Franz Schröder, der gelobt wurde, daß er fast ausschließlich neue Werke von Strauss Vater gespielt habe und ein Militär-Musik-Corps trugen zur Verherrlichung bei.

Denkmal im inneren Burghof

 

Wie üblich wurde jeder Anlaß genutzt um für wohltätige Zwecke einzutreten. Am Tag nach der Denkmal-Enthüllung fand eine große musikalische Abend-Unterhaltung am Wasser-Glacis statt deren Ertrag für die Kleinkinderbewahr-Anstalt in Ober-Döbling bestimmt war.

Philipp Fahrbach der inzwischen mit seiner neuen Privatkapelle erfolgreich war und gute Kritiken erhielt übernahm schon im Mai Prouktionen von Franz Schröder dessen Vertrag in Zögernitz’s Casino auslief und nicht verlängert wurde sowie im neu eröffneten Engländer´s  Garten und Salon in der Alservorstadt. Er knüpte an die früheren Strauss-Feste mit Titel-Wahl an die er als Orchester-Mitglied erlebte. Am 24. Juni veranstaltete er ein großes Fest mit Ball und einer Walzer-Improvisation im goldenen Strauß im Theater in der Josephstadt. Die P.T. Anwesenden wurden geziemendst ersucht Motive in Walzer oder sonstiger Taktform sowie Titel-Vorschläge am Eingang abzugeben und Fahrbach wollte im Laufe des Abends daraus eine Walzer-Partei improvisieren, vor den Augen der Anwesenden instrumentieren und mit seinem Orchester zur Aufführung bringen.

 

Am 2. Juli fand auf ausdrücklichen Wunsch der regierenden Kaiserin ein  von Jos. Geiger im Theater in der Leopoldstadt veranstaltetes Quodlibet zum Vorteil des Elisabethen-Krankenhauses statt bei dem mehrere Theatermitglieder mitwirkten. Der k.k. Hofballmusikdirector soll mit seinem ganzen Ochtester in der zweiten Abteilung der Veranstaltung sein Opus 195, den Walzer „Die Unbedeutenden” uraufgeführt haben. Die Kaiserin beehrte die Akademie mit ihrer Anwesenheit.

Der neue Walzer wurde kritisiert und man sagte der Titel passe zu dem Werk. Bei der Soirée am 5. Juli „beim Unger” bei der sich wiederum mehrere Tausende versammelten wurde der Walzer begeistert aufgenommen und Strauss mußte ihn, obwohl ihm der Schweiß stromweise über die Wangen quoll, bis 9 Uhr viermal wiederholen.

 

Der bis dahin im Kalender von Strauss Sohn noch freie Freitag wurde ab 10. Juli mit großen Soiréen in dem neu eröffneten Speise-Garten des Gasthauses zur Walhalla auf der Wieden, Wienstraße Nr. 807, nächst dem Theatersteg belegt.

Leander Prasch der bis 1844 das Casino im Landgut besaß und betrieb nutzte den Garten eines Anwesens das demoliert werden sollte und errichtete einen Tanzsalon und beleuchtete beides mit Gas. Zur Eröffnung exekutierten die Infanterie-Regimentskapelle Hrabovsky mit Kapellmeister Hauser und im Garten und J.A. Adam im Salon die Musik.

Der Brgittenauer Kirchtag am 12. und 13. Juli wurde wie jedes Jahr vielseitig gefeiert. Während Strauss Vater am Sonntag eine große musikalische Nachmittags-Unterhaltung in Unger´s Casino und Promenadegarten begleitete (oder veranstaltete) und am Montag  bei einer großen „Fest-Soiree zum Brigitten Kirchtag” im Sperl erneut den Walzer „Die Unbedeutenden” vortrug, ist nicht klar wo Strauss Sohn an den beiden Tagen spielte. Am Sonntag soll er bei einer großen Soirée in Kugler´s Casino-Parke in Heiligenstadt und am Montag bei einem großen Fest mit Ball in den Sälen nebst Garten im Odeon mit mehreren anderen Musikchören aufgetreten sein. Im Odeon soll er sein Opus 29, die „Odeon-Quadrille” uraufgeführt haben. In der Annonce des Odeon wurde die Musikkapelle nicht genannt. Das Volks-Jubel-Fest mit Ball im großen Park der Brigitten-Au veranstaltete Ludwig Morelly der größtenteils Kompositionen von Strauss Vater spielte.  Es wurden aber überall mehrere Musik-Chöre angekündigt. Es kann also durchaus sein, daß die Kapellmeister mehrfach im Einsatz waren.

 

Das große Volksfest in Kugler´s Badhaus-Salon und Casino-Parke in Heiligenstadt am 15. Juli wurde ausführlich angekündigt. Strauss Sohn und ein zweites Orchester unterhielten die Gäste die entweder ab halb 10 Uhr für 1 fl. Table d´hote oder nach dem Tariffe soupieren konnten.

Am 18. Juli fand ein besonderes Ereignis statt, nämlich ein Ländliches Fest in Wolfbergers Sans Souci in der Brühl bei Meidling. Johann Strauss Vater trug dabei die gewähltesten Tonpiecen vor, darunter erstmals ein von Franz Liszt für ein ganzes Orchester komponierter „ungarischer Sturmmarsch”, für dessen Verwendung sich Liszt sich Joseph Gungl entschuldigte. In den Pausen spielte Liszt selbst an seinem eigenen Fortepiano 2 selbst komponierte Klavierpieces. Liszt hielt sich zum Landaufenthalt in Rodaun auf. Die Hälfte der Einnahmen war für eine wohltätige Stiftung für die Dorfarmen die andere Hälfte für die Anschaffung einer Turmuhr für Rodaun bestimmt. Anfang des Festes, als dessen Veranstalter Carl Haslinger zeichnete war um 5 Uhr, das Liszt Konzert war um 8 Uhr, danach war Tanz bis in die Nacht, der Ertrag war 500 fl., 330 fl. für die Turmuhr, der Rest für die Dorfarmen. Abends von 9 bis 10 Uhr fuhren Sonderzüge nach Wien, Baden und Wiener-Neustadt.

 

Das Fest erhielt keine besonders gute Kritik. Der Besuch war nicht übermäßig, die Klavierstücke von Liszt hatten im Freien keinen guten Effekt, es waren zu wenig Stühle vorhanden und außer Musik hatte man nichts als freie Luft.

Der „Wanderer” berichtete in der Rubrik „Plaudereien beim Gesellschaftskaffeh” dem Vorläufer der heutigen Klatsch und Tratsch Spalte, daß der Musikdirector Strauss Sohn am Vorabend Johann Baptist, dem Namenstag beider Capellmeister, dem Vater eine herrliche Nachtmusik veranstaltet hat. Man riet ihm, sich mit dem Vater zu vereinen, wobei alle Biografen die Schuld am dem gespannten Verhältnisse der beiden dem Vater geben.

 

Auch hinsichtlich des Datums wirft das Geplaudere Fragen auf. Der Bericht erschien am 21. Juli. Der Namenstag Johann Baptist ist am 7. April, Johann Strauss Sohn feierte seinen Namenstag am 24. Juni, dem Tag Johann des Täufers. Unmittelbar vor dem 21. Juli ist kein Namenstag in Verbindung mit dem Namen Johann.

Ob Strauss Sohn bei dem Garten-Fest mit Ball zur „Vorfeyer des Annen-Nahmens-Festes” am 22. Juli in Kremser´s Localitäten die Musik geleitet hat ist in den Annoncen nicht erwähnt, aber wahrscheinlich. Mittwochs hatte er Soirée am Währingerspitz.

 

Augustin Corti veranstaltete aus Anlaß der „Allerhöchsten Nahmensfeyer Ihrer Majestät der Kaiserinn Maria Anna” im k.k. Volksgarten am 24. Juli ein außerordentliches Fest. Johann Strauss Vater komponierte dafür einen neuen Walzer, der als „Anna-Bouquets” angekündigt wurde, aber dann nur noch Bouquets hieß und die Opus-Zahl  197 trägt. Er mußte dreimal wiederholt werden.

Ende Juli kamen mehrere Gerüchte auf. Herr Kremser sollte mit der Idee umgehen Johann Strauss Vater für seine beliebten Localitäten am Währingerspitz für einige Soiréen zu gewinnen. Das war aber, zumindest mittwochs, Strauss Sohn Terrain. Es ist nicht bekannt, ob oder daß die Idee umgesetzt wurde.

 

In Engländer´s Gasthausgarten und Salon waren die Orchester-Leistungen von Philipp Fahrbach und Strauss Sohn, die nach Strauss Vater „unläugbar gegenwärtig den achtbarsten Rang” behaupten dem gebildeten Geschmacke entsprechend. Trotzdem dirigierte dort zunächst der Hofballmusikdirektor am 30. Juli eine große musikalische Soirée zum Besten der Armen der Alservorstadt. Von Produktionen von Strauss Sohn in der Währingergasse gibt es keine Nachweise.

 

Der Armen-Institut-Vorsteher bedankte sich bei Johann Strauss und Johann Engländer für den humanitären Beitrag.

Auch über die Dienstag- und Sonnabend Reunionen im „Odeon” die einen bedeutenden Rang eingenommen haben sollen, nicht wegen den mannigfaltigen und guten Speisen zu gewöhnlichen Preisen, sondern weil  - jetzt kommt die Hauptsache – Strauss Sohn mit seinem Orchester da spielt, gibt es keine Nachweise.

Bruder Josef, inzwischen knapp 19 Jahre alt, nahm am 1. August eine Stelle als Bauzeichner bei Architekt Ubel in Wien an und Eudard, 11-jährig absolvierte die Grundschule und trat in das Wiener Akademische Gymnasium ein.

 

Bei der Nachmittags-Unterhaltung in Unger´s Casino und Promenadegarten am 2. August führte Strauss Vater die „Charivari–Quadrille”, das Opus 196 auf. Das Uraufführungs-Datum ist nicht klar, es könnte aber durchaus dieser 2. August gewesen sein.

Das letztjährige große Tyroler National-Fest im Tivoli wurde am 5. August unter dem Titel „Tyrol bey Wien” ein zweites Mal veranstaltet. 3 Musik-Chöre nahmen daran teil, die Ballmusik leitete Johann Strauss Sohn der für das Fest einen Walzer im Ländlerstil „Die Zillerthaler”, sein Opus 30 komponierte und uraufführte.

 

Das Tivoli von dem man ansonsten als Belustigungsort nicht mehr viel vernahm gehörte Herrn Lechner, einem biederen Tiroler der als Arrangement-Genie gelobt wurde und er wurde durch den Besuch von 6000 bis 7000 Personen belohnt.

Strauss Vater’s nächstes Werk war das Opus 191, die „Zigeuner–Quadrille” die er am 7. August bei der großen musikalischen Fest-Soirée die er zu seinem Benefice im k.k. Volksgarten veranstaltete uraufführte.

 

Die jährliche Abend-Unterhaltung am Wasser-Glacis vor dem Carolinen-Thore zur Vorfeier, Feier oder Nachfeier des „Allerhöchsten Nahmensfestes Ihrer Majestät der Kaiserinn” zum Vortei des k.k. Waisenhaus-Fondes wurde am 10. August als Nachfeier veranstaltet. Strauss Vater wirkte wie schon seit Jahren in Berücksichtigung des edlen Zweckes mit. Das zweite Orchester, welches nicht genannt wurde leitete Kapellmeister Hauser.

Am 12. August sollte ein ländliches Fest mit Tanz in Kugler´s Localitäten in Heiligenstadt zum Benefice des jungen Strauss unter dem Titel „Ein Sommernachtstraum im Heiligenstädter Park” stattfinden. Die Schauspiel-Gesellschaft Döbling sollte ein Theaterstück aufführen  und Strauss Sohn die Ouverture und danach Tänze leiten. Das Fest mußte, wie der „Wanderer” ironisch schrieb, unvorhergeseher Hindernisse und der großartigen Vorbereitung halber auf dem 19. August verschoben werden. In der Vorbereitung gab es vielleicht Probleme.

 

In der Nachbesprechung war es ein Quodlibet das eine Regiments-Kapelle begleitete, ein Ball bei dem Strauss Sohn spielte und eine Produktion der Schwimmmeister, Schwimmer und Springer in der feeenartig beleuchteten Schwimmschule zu den Klängen von 2 Musiken.

 

In den letzten August-Tagen war Johann Strauss Vater  gleich bei 3 Festen im Einsatz. Zunächst am 28. bei einem großen Fest zum Besten der Blindenanstalt im k.k. Volksgarten, das möglicherweise aber ausfiel und am 4. September nachgeholt wurde, und dann am Sonntag und Montag beim Hernalser Kirchtag „beim Unger”. Bei dem Ball am 31. spielte er seinen Walzer „Ländlich, sittlich”, Opus 198, der zunächst als „Kirchtagsfreuden” angekündigt wurde,  zum ersten Mal.

Strauss Sohn sollte möglicheweise am 31. August bei einem Fest auf dem Wasser Glacis zum Besten eines Wohltätigkeitsfonds mit mehreren Orchester spielen. Das Fest mußte auf den 2. September verschoben werden und Strauss präsentierte dann sein Opus 27, den Walzer „Die Sanguiniker” erstmals. Vielleicht gab es noch weitere Feste zum Besten des Blinden-Institutes auf dem Wasser-Glacis. Erneut ist es der „Wanderer” der Strauss Sohn am 26. September kritisiert, daß bei dem letzten Fest, das wegen der herrschenden Kälte nicht sehr besucht war, bei dem Carneval in Rom von Berlioz und der Stradella-Ouverture von Flotow häufig falsch gespielt wurde und das Orchester, vom Dirigenten angezogen oft schwankte, da Strauss Sohn noch nicht gewohnt zu sein scheint, bei kühler Witterung im Freien zu spielen. Die beiden Stücke muß man von Strauss Vater hören, meinte der Schreiber. Er lobte aber die Sanguiniker als wunderschöne Walzer die sich eines großen Beifalles erfreuten.

 

Gegen diese Kritik wetterte am 1. Oktober in der gleichen Zeitung „Ein Aufrichtiger für Viele” und warf dem Verfasser Herrn Langweis Musikunwissenheit und Parteiischkeit für Strauss Vater und gegen Strauss Sohn der „erst jüngsthin von Liszt in Gegenwart eines zahlreichen Publicums über die treffliche und feurige Ausführung aller musikalischen Piecen das ehrenvollste und schmeichelhafteste Zeugnis erhalten” hatte. Liszt besuchte also eine Soirée von Strauss Sohn.

 

Die Redaktion des „Wanderer” setzte der Diskussion am 20. Oktober ein Ende und kündigte an solchen nichtigen Balgereien künftig in dem Blatt keinen Raum mehr einzuräumen.

 

Die Soiréen und Conversationen von Strauss Sohn mit Ausnahme derjenigen in Dommayer’s Casino wurden in den zugänglichen Zeitungen nicht annonciert. Weiter vorne ist sein vermeintliches Wochenprogramm beschrieben. Zu Beginn der Sommer-Saison war der Dienstag mit Soiréen >zum goldenen Strauss< belegt. Nach dem Fest mit Ball am 13. Juli kam es offenbar zu einer Vereinbarung wonach Strauss Sohn dienstags Soiréen im Odeon leitete. Auch diese wurden nicht angezeigt. Am 31. August meldete der „Wanderer” etwas schadenfroh, „daß die Dienstag-Odeon-Soirée des Musikdirectors Strauss Sohn so besucht waren, daß  nun gar keine mehr statt finden” und fragte Fischer (den Odeon-Inhaber) warum er Strauss Vater aus diesen Hallen fortziehen lies ? ”Dieses war nicht gut spekuliert” !

 

 Das gleiche Journal behauptete auch, daß der Casino-Inhaber Kugler an einfachen Tagen mehr einnimmt als an Tagen an denen er mit Strauss-Sohn Fest-Soiréen gibt.

Aber der „Wanderer” plauderte auch, daß Strauss Vater Ende September eine Kunstreise nach Berlin und Hamburg unternehmen wolle. Er reiste erst Ende Oktober für wenige Tage nach Brünn, Breslau und Ratibor.

 

Wie gesagt, es war die Klatsch und Tratsch Presse. Allerdings stimmten die Meldungen daß Franz Schröder  der sich zwischenzeitlich ins Privatleben zurück gezogen hatte, wieder ein Orchester gegründet hatte. Er spielte erstmals am 6. September in Engländer’s Garten und Salon. Auch daß Philipp Fahrbach künftig als Musik-Director und Walzer-Improvisator angekündigt würde stimmte. So geschehen für einen Ball am 6. September „im goldenen Strauß”, bei dem er die „Hopser Polka”, das Opus 28 von Strauss Sohn uraufgeführt haben soll.

 

Am 9. September  veranstaltete der k.k. Hofballmusikdirector ein großes Fest zum Besten des unter dem allerhöchsten Schutze Ihrer Majestät der Kaiserinn Maria Anna stehenden ersten Kinderspitals. Dafuer überlies ihm Augustin Corti, zum ersten Mal seit 6 Jahren den Paradies-Garten. Neben dem Strauss-Orchester spielte die Regiments-Capelle Baron Hradovsky mit Capellmeister Hauser und der Flügelhornist Strebinger. Franz Liszt besuchte das Fest. Dem vielseitigen Wunsch entsprechend wollte Strauss das Fest am 25. September  wiederholen, was die Witterung vereitelte. Es wurde schließlich am 1. Oktober wiederholt und Strauss führte sein Opus 204, den „Helenen–Walzer” erstmals auf. Das Werk sollte einer der russische Prinzessinen gewidmet werden, wovon Strauss offenbar abkam. Auch die Ouverture zu Flotows neuer Oper „Die Matrosen” spielte Strauss im Paradiesgarten zum ersten Mal. Sr. Königl. Hoheit der Prinz von Preußen besuchte mit seiner Suite das Fest und zeichnete Strauss durch eine fünfminütige Unterredung aus .

Dann neigte sich die Sommer-Saison allmählich dem Ende. Am 10. September fand, bei günstiger Witterung die letzte diesjährige Soirée im Garten "bei den Sieben Churfürsten" statt bei der Strauss Vater spielte. Ferdinand Dommayer begann die Saal-Saison mit einer Soirée Dansante am 12. September. Zunächst begann die Musik im Garten um 6 Uhr, ab 8 Uhr begann die Soirée in den Sälen  wo Strauss Sohn seine neuesten Piecen, unter anderem auch die Hopser-Polka zur Aufführung brachte.

Im großen Zeisig fand die letzte Soirée am 14. September statt, und zwar zum Benefice von Strauss Vater.

 

Strauss Sohn nahm für den ganzen Winter jeweils Donnerstags die Abhaltung von musikalischen Soiréen in Wagner’s Kaffeehaus im k.k. Prater an. Philipp Fahrbach spielte dort sonntags. Ab dem 11. Oktober sollten die Wintersoiréen von Strauss Vater im k.k. Volksgarten beginnen, aber offenbar lies das Wetter, nach der am 4. Oktober als letzte angekündigten, noch eine allerletzte große musikalische Nachmittags-Unterhaltung in Unger´s Casino und Promenadegarten zu und der Beginn der Wintersaison im Volksgarten wurde auf dem 18. November verschoben.

 

Die zahlreichen Localitäten Wiens in welchen Musikunterhaltung geboten wurden boten auch den anderen Musikdirektoren und Capellmeistern Wiens Beschäftigung. Franz Schröder über den schon im Mai berichtet wurde, daß er kaum noch Werke von Lanner, in dessen Kapelle er ehemals spielte, sondern nur eigene Werke aufführt, produzierte sich in Zögernitz´s Casino und in der Bierquelle in Hernals und Engländer´s Garten und Salon, J.A. Adam im Fuchs´schen Casino in Simmering und ab Juli im Gasthaus „zur Walhalle”, Drahaneck im Hütteldorfer Brauhaus, Bendl im Universum, Ballin im Brauhausgarten Neuling auf der Landstraße, >zum wilden Mann< in Währing auch in der Bierquelle in Hernals und Ludwig Morelly >zum grünen Thor< und im Feldmarschall Laudon. Neben den Sträußen war aber Philipp Fahrbach der beliebteste, er spielte ab 10. Mai in Zögernitz´s Casino anstelle von Schröder, ab Ende Juni in Engländer´s Garten und Salon in der Alservorstadt, im Sperl, in der Bierhalle in Fünfhaus und „im goldenen Strauß” im Theatergebäude in der Josephstadt.

 

Während der Sommersaison erschienen zahlreiche neue Werke der beiden Sträusse.

Erstanzeige opus 14, „Serben Quadrille”, „Seiner Erlaucht dem Fürsten M. M. Obrènovits ehrfurchtsvoll gewidmet von Johann Strauss Sohn” und Zora-Polka von W. C. Gutmannsthál, von Strauss Sohn uraufgeführt auf dem Slavenball, aus Wiener Zeitung 20. April. Bei Mechetti waren nach Meldung des „Wanderer” am 7. Februar damals bereits 4000 Abdrucke a priori bestellt.

 

Mihailo Obrenović III., geboren am 16. September 1823 in Kragujevac; gestorben am 10. Juni 1868 in Topčider, war von 1839 bis 1842 und von 1860 bis 1868 serbischer Fürst.

Mihailo war der jüngere Sohn des serbischen Fürsten Miloš Obrenović und der Fürstin Ljubica. Nach dem frühen Tod seines Bruders Milan Obrenović II. wurde Mihailo Obrenović 1839 mit der Zustimmung des Osmanischen Reiches als Hegemonialmacht zum Fürsten von Serbien gekürt. Als jedoch 1842 ein Aufstand aufgrund seiner Neigung zu russischen Interessen und der willkürlich harten Besteuerung ausbrach, floh der junge Mihailo aus Serbien. Statt seiner wurde Alexander Karađorđević serbischer Fürst. Mihailo lebte erst in Wien und Berlin, 1844–50 auf Reisen, danach auf seinen Gütern in der Walachei.

 

Nach Alexanders Absetzung 1858 kehrten Miloš Obrenović und sein Sohn Mihailo nach Serbien zurück. 1860 starb Miloš und Mihailo wurde zum zweiten Mal Fürst. Seine Innenpolitik war wegen seines despotischen Herrschaftsverständnisses umstritten, allerdings erreichte er die Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich, was sich im Abzug der türkischen Garnisonen aus den serbischen Städten ausdrückte. Mihailo modernisierte den serbischen Staat und führte unter anderem die allgemeine Wehrpflicht ein und damit ein stehendes Heer. Belgrad wurde endgültig serbische Hauptstadt, und Serbien bekam wieder eine nationale Währung, den Dinar. Fürst Mihailo ließ das serbische Nationaltheater in Belgrad erbauen. Außenpolitisch verfolgte er einen Ansatz, der die südlichen slawischen Völker in einer Balkanföderation zusammenfassen sollte, die sich aber in mehreren Bündnisverträgen gegen das Osmanische Reich erschöpfte.

 

Der Fürst fiel am 10. Juni 1868 im Park von Topčider bei Belgrad einem Mordanschlag zum Opfer, die Auftraggeber blieben unbekannt. Die Attentäter hatten sowohl Verbindungen zur liberalen Opposition im Land als auch zur gestürzten Karađorđević-Dynastie. Die Ehe mit Julia Gräfin Hunyady von Kéthely (1831–1919), die er 1853 geheiratet hatte, brachte keine Nachkommenschaft, und auf den serbischen Fürstenthron folgte auf Drängen von Milivoje Petrović Blaznavac der noch minderjährige Neffe Mihailos Milan Obrenović IV.

Am 18. Oktober kehrte Strauss Vater wieder ins Odeon zurück wo er bei einem außerordentlichen Triumph-Ball-Fest zum Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig, mit der Regiments-Musik unter Johann Hauser die Musik leitete und seine „Triumph–Quadrille” das Opus 205 uraufführte. Das Ball-Fest, das bei 6000 Personen besucht haben, begann erst um 9 Uhr so daß Strauss in Ruhe nachmittags die Musik bei der ersten großen Nachmittags-Conversation im k.k. Volksgarten leiten konnte. Bei dem öffentlichen Ball zur Feier des Theresienfestes „im Sperl” am gleichen Abend dürfte aber wohl ein anderes Orchester gespielt haben.

Dann gab es allerlei Gerüchte um Reisen. Zunächst hieß es Strauss Vater sei in Madrid um bei der Doppel-Hochzeit aufzuspielen. Einige Tage später hieß es Strauss Sohn sei in Madrid. Keiner der beiden war tatsächlich da, obwohl Strauss Vater seine Reisevorbereitungen schon abgeschlossen haben dürfte.

 

In Madrid heiratete Maria Luisa Fernanda von Spanien, (frz. Louise-Ferdinande) (* 30. Januar 1832 in Madrid; † 2. Februar 1897 in Sevilla), eine Infantin von Spanien und durch Heirat Herzogin von Montpensier am 10. Oktober 1846 Antoine d’Orléans, duc de Montpensier (1824–1890), den jüngsten Sohn des Herzogs von Orléans und späteren französischen Königs Ludwig Philipp I. In einer Doppelhochzeit heiratete am selben Tag auch ihre ältere Schwester Isabella II. ihren Cousin (ersten Grades) Francisco von Assisi, ältester Sohn des Francisco de Paula de Borbón Herzog von Cádiz und Luisa Carlota von Neapel-Sizilien.  In Madrid soll angeblich Philippe Musard, der Pariser Strauss  gewesen sein.

 

Johann Strauss Vater reiste am 27. Oktober aus Wien ab. Noch vor seiner Abreise erschienen die ersten Anzeigen für den maskierten Ball am Sonntag vor dem Katharinen-Fest, dem 22. November in den k.k. Redouten-Sälen. Und auch für den Carneval 1847 wurden schon Vorbereitungen getroffen. Einer der vielen Tanzlehrer Wiens soll von einer Auslandsreise einen Walzer im Fünfvierteltakt mitgebracht haben zu dem Strauss Vater die Musik schreiben sollte. Am Abend vor der Abreise leitete er noch eine  Serenade zum Festmahl welches Director Pokorny zum Abschied des Kompositeurs Balfe gab. So berichtete zumindest der „Wanderer”. Die Wiener Zeitschrift berichtete dagegen, daß Strauss Sohn bei dem Abschiedsoupé spielte, aber nicht in den Gesellschaftszimmern, sondern auf der Strasse in Form einer Serenade was dann natürlich eine Menge neugieriger Gaffer und Zuhörer herbeilockte.

Die Reise von Strauss Vater sollte nach Mähren und Schlesien gehen. Er besuchte anscheinend Olmütz, Neutitschein, Troppau und Breslau. Das er sechzehn Mal in Breslau spielte kann nicht stimmen, er war ja nur 22 Tage, inklusive Reisetage unterwegs. Ob er mit Lorbeeren und Geld beladen nach Hause kam muß, was Geld betrifft, bezweifelt werden. Strauss war ja immer sehr spendabel und lies sich die Reisen und die Unterkunft viel Geld kosten. Da scheinen die Angaben in der Wiener Zeitschrift am 26. November schon glaubhafter, nämlich über Auftritte zweimal im Theater zu Troppau, einmal im Casino zu Neutitschein bei einem Ball, einmal im Casino zu Olmütz, einmal im Rathaussaal zu Ratibor, einmal im Hotel zum Prinzen von Preußen zu Oppeln und abschließend im Wintergarten zu Breslau, der Herrn Kroll dem Eigentümer des gleichnamigen Etablissements in Berlin gehörte. Dort sollen an 9 Abenden Konzerte stattgefunden haben. Genaue Daten lassen sich nicht rekonstruieren.

Diese Karte zeigt das Streckennetz der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn 1849. Im Jahr 1846 war die Strecke erst bis Olmütz fertig. Das Teilstück bis Oderberg wurde erst im Frühjahr 1847 fertig und die Wilhelmsbahn die die Oberschlesische Eisenbahn  von Breslau über Oppeln bis  Gleiwitz  mit der österreichischen Kaiser-Ferdinands-Nordbahn verband (gegründet 1844 in Ratibor) erstellte erst am 1. September 1848 den Anschluß an das österreichische Eisenbahnnetz in Oderberg. Teilstücke waren aber wohl schon in Betrieb und für Strauss und seine Leute nutzbar. Ein Teil der Strecke mußte aber noch mit Kutschen zurück gelegt werden.

 

Mitte November verdichteten sich Meldungen wonach Strauss Sohn anstelle Philipp Fahrbach beim >goldenen Strauß< die Musik dirigieren wird. Er führte sein Opus 31 die „Quadrille on motifs from Balfe's The Siege of Rochelle” oder „Die Belagerung von Rochelle” bei der großen Nachmittags-Conversation in Dommayer´s Casino am 8. oder am 15. November auf. Die Oper war ein Werk von M.W. Balfe aus dem Jahr 1835.

Strauss Vater war pünktlich zurück um persönlich die große Nachmittags-Conversation im Salon des k.k. Volksgarten am 22. November ab  4 Uhr und den maskierten Ball in den k.k. Redoutensälen, der  Katharinenredoute zu leiten. Bei letzterem spielte Strauss im großen Saal und die Militär Musik Baron Hradovsky im kleinen Saal.  

Am eigentlichen Katharinen-Fest am 25. November fand im Odeon ein weiteres großes Ballfest zum Benefice Strauss statt. In den Sälen zum goldenen Strauss im Josephstädter Theatergebäude führte Strauss Sohn bei einem großen Katharinen-Ballfest sein Opus 34 den Walzer „Die Jovialen” erstmals auf.

Welcher der beiden Sträusse Anfang Dezember bei einer Soirée des „Unterstützungs-Vereins für dürftige Höhrer der Medizin” >zum goldenen Strauß< spielte ist unklar. Einer der beiden spielte in den Zwischenpausen, sonst produzierten sich mehrere Dilettanten.

 

Zum Jahresende zeigten die Verleger weitere neue Werke an.

Das beste Resumé über die ersten beiden Jahre des Wirkens von Johann Strauss Sohn gibt ein Schreiber unter dem Kürzel D. B-ch. am 7. Dezember im Wanderer

Strauss Sohn spielte mit viel Beifall in den meisten und ausgezeichnetsten Lokalen Wiens und in Altenburg, Pest und Graz. Sein Orchester ist eines der besten und spielt die schönsten Opern-Piecen und Ouverturen mit einer seltenen Vollendung. Seine Kompositionen aus 1 Ouverture, 19 Walzern, 1 Mazur, 6 Polkas, 1 Czardas, 4 Märsche und 9 Quadrilles, im Ganzen 42 Stücke zeigen von einem schöpferischen Talente und bedeutendem Fleiße.

 

Im Dezember fanden die üblichen großen Nachmittags-Conversationen statt wobei Strauss Vater wieder im k.k. Volksgarten und Strauss Sohn in Dommayer´s Casino in Hietzing die Musik leitete. Eine dieser Conversationen „beim Dommayer” besuchten Mitte Dezember die in Wien weilenden Robert und Clara Schumann. Außerdem spielte Strauss Vater noch bei einigen sogenannten „Conversation musicale” oder Soiréen im Odeon und Strauss Sohn bei „Soirée musicale” >zum goldenen Strauß< und bei Soiréen in Wagner's Kaffeehaus im Prater.

 

Schon im September gab es Nachrichten wonach das großartige, herrlische Odeon, seit es Strauss Vater verlassen hat, bedeutend herabgekommen war und dort jetzt Harfenisten, Bänkelsänger und sogenannte sein wollende Volkssänger ihr Unwesen treiben.

 

Die Administration des Odeon teilte mit, daß die Übelstände der Restauration und der Credenz mit der Gewinnung des Weinwirtes Anton Hendling und eines accredirten Zuckerbäckers als Pächter abgestellt worden sind und kündigte für den 26. Dezember zunächst eine „große musikalische Soirée” mit Ziehung der Gewinne der Wohltätigkeits-Lotterie zum Besten des Wiener allgmeinen unentgeltlichen Kinderspitals zum heiligen Joseph auf der Wieden unter den Klängen „unsers Lieblings Strauss, k.k. Hofball-Musikdirector” und einer Militär-Capelle an.

Strauss führte bei dem Fest einen Marsch aus Mayerbeers Oper „Ein Feldlager in Schlesien” auf. Die Oper hatte in der Bearbeitung von Charlotte Birch-Pfeiffer am 18. Februar 1847 unter dem Titel „Vielka“ in Wien Premiere. In der Titelrolle war Jenny Lind zu sehen.

Der Komponist Heinrich Rudolph Willmers widmete Strauss Vater eine heute unbekannte Polka die er ihm nach Wien überschickte.

Bei einem Sylvesterkonzert im Sperl erlebte Strauss Vater´s  opus 199, die „Neujahrs-Polka” vermutlich um Mitternacht ihre Uraufführung und den Ausklang des Jahres.

Wenn die Sträusse auf dem Weg von der Taborstraße in die Stadt oder wenn Strauss Vater aus seiner Wohnung zum Sperl ging oder fuhr, nahmen sie wahr, daß auch die Jägerzeile seit dem 5. Dezember ebenfalls mit Gas beleuchtet war, nachdem bereits seit Juli die Gasbeleuchtung der Rothenturmstraße über die Ferdinandsbrücke bis zur Jägerzeile in Betrieb war.

 

Was sonst noch geschah:

 

  • 18. Februar: In der Republik Krakau findet ein Aufstand statt, der auf Selbstverwaltung ihrer Angelegenheiten gerichtet ist. Die österreichische Armee schlägt das Aufbegehren der Polen nieder.
  • 6. November: Die Republik Krakau wird in einem Vertrag der polnischen Schutzmächte Russland, Preußen und Österreich aufgelöst und ihr Territorium dem österreichischen Besitztum Galizien zugeschlagen.
  • 16. November: Die Republik Krakau wird als Großherzogtum Krakau vom Kaisertum Österreich annektiert.
  • 16. April: Der frühere Forstwärter Pierre Lecomte verübt mit einer Doppelflinte ein Attentat auf Frankreichs Bürgerkönig Ludwig Philipp I. beim Schloss Fontainebleau. Die in einer Kutsche heimkehrende königliche Familie bleibt unverletzt. Der Attentäter wird am 8. Juni hingerichtet.
  • Am 29. Juli richtet der Stahlwarenfabrikant H. Henry zwei Schüsse aus einer Pistole auf den im Garten der Tuilerien angetroffenen König, die ihr Ziel verfehlen.
  • 10. Oktober: In Spanien wird eine Doppelhochzeit gefeiert: Königin Isabella II. heiratet ihren Cousin Francisco de Asís de Borbón. Ihre Schwester Maria Luisa geht mit dem Herzog von Montpensier und Sohn des französischen Bürgerkönigs Louis-Philippe, Antoine d’Orléans, duc de Montpensier, die Ehe ein.
  • 8. Juli: Der „offene Brief“ des Dänenkönigs Christian VIII. mit der Feststellung, Schleswig und Lauenburg gehörten zur Krone Dänemarks, löst unter den Einwohnern und in Holstein eine Welle der Empörung aus.
  • 30. Juni: Bayern neue offizielle Schreibweise statt bisher "Baiern".
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  • 21. März: Der Belgier Adolphe Sax erhält in Frankreich das Patent für das Saxophon.
  • 31. Mai: Für die Göltzschtalbrücke wird der Grundstein gelegt. Die weltgrößte Ziegelbrücke ermöglicht im Vogtland den Eisenbahnverkehr auf der Strecke zwischen Nürnberg und Leipzig.
  • 10. September: Elias Howe erhält in den Vereinigten Staaten ein Patent auf seine Nähmaschine.
  • 17. November: In der Neugasse Nr. 7 in Jena eröffnet Carl Zeiss seine erste optische Werkstatt.
  • 30. September: Erste schmerzfreie Zahnextraktion unter Narkose durch William Thomas Green Morton an seinem Patienten Eben Frost
  • 16. Oktober: Erste öffentlich durchgeführte, erfolgreiche Narkose in der Chirurgie durch William Thomas Green Morton, Geburtsstunde der Anästhesie
  • 27. Juli: August Kramer präsentiert in Nordhausen auf einer Versuchsstrecke einen von ihm entwickelten Zeigertelegraphen.
  • September: Gründung der École française d’Athènes in Athen
  • Die Schießbaumwolle wird von Christian Friedrich Schönbein entdeckt.
  • 16. Juni: Kardinal Giovanni Maria Mastai-Ferretti wird nach einem zweitägigen Konklave zum Papst gewählt und nimmt den Namen Pius IX. an. Die Wahl markiert den Beginn des längsten Pontifikats in der Geschichte des Papsttums.
  • 19. Juni: In Hoboken wird das erste Baseball-Spiel nach den kurz zuvor entwickelten und überwiegend noch heute gültigen Regeln ausgetragen.

Geboren:

  • 9. Februar: Wilhelm Maybach, deutscher Autokonstrukteur und Unternehmer († 1929)
  • 14. März: Bertha von Brukenthal, österreichische Komponistin († 1908)
  • 23. November: Ernst von Schuch, deutscher Dirigent († 1914)

 

Gestorben:

  • 1. Juni: Gregor XVI., italienischer Papst (* 1765)   
  • 25. Juli: Louis Bonaparte, Bruder Kaiser Napoleons I. (* 1778)

So viele Strauss-Freunde haben bisher meine Baustelle besucht

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© Claus Kegel, Bukarest 2016